Voraussetzungen zur Steigerung des Radverkehrsanteils

Was sind die Voraussetzungen, damit der Radverkehrsanteil massiv ansteigt? Die Erfahrungen aus anderen Städten und Ländern zeigen:

  • Das Fahrrad muss die schnellste (und einfachste) Möglichkeit sein, um von A nach B zu kommen, oder zumindest darf es nicht länger dauern als per Auto oder Bus.
  • Radfahren muss sicher sein. Auch Menschen, die nur selten auf dem Fahrrad sitzen, müssen sich sicher fühlen, wenn Sie von A nach B fahren – egal ob Sie nun mit Schrittgeschwindigkeit umherschleichen oder mit 30 km/h umherdüsen.

Der Hauptgrund für die Wahl des Verkehrsmittels Fahrrad ist: die schnellste (und einfachste) Möglichkeit, sein Ziel zu erreichen. Egal ob in den Niederlanden, in Dänemark oder anderswo. Alles Weitere sind nur Nebengründe oder gerne in Kauf genommene Begleiterscheinungen, wie Umweltschutz, gesundheitlicher Nutzen, Kostenersparnis usw.

Die Stadt muss also zweierlei schaffen:

  1. Das Fahrrad muss die schnellste Möglichkeit sein, um eine kurze Strecke von ein paar Kilometern zurückzulegen.
  2. Das Radfahren muss sicher sein. Es muss objektiv sicher sein und Radler müssen sich subjektiv sicher fühlen.

Sind diese beiden Voraussetzungen erfüllt, ist ein Radverkehrsanteil von mehr als 10 % kein Problem!

Dazu braucht es idealerweise separate Wege für Radfahrer nach dem best practice Prinzip. Oder, wenn Radler auf der Straße fahren sollen, eine erlaubte Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h. Wenn bei höheren Geschwindigkeiten Radfahrer zusammen mit Kfz auf der Straße fahren sollen, leidet die objektive und subjektive Sicherheit – auch wenn Schutzstreifen vorhanden sind.

Mit ein paar Markierungen auf den bereits vorhandenen Verkehrsflächen ist es also nicht getan! Es ist zwar besser als nichts – aber es ist bei weitem nicht ausreichend, um Autofahrer zum Umstieg zu bewegen. Wer sich auf Straßen von Autofahrern bedrängt fühlt (weil der Geschwindigkeitsunterschied zu hoch ist und man vermeintlich Autos aufhält) oder durch zu dichtes überholen gefährdet wird, wird nicht auf’s Rad umsteigen.

Daher bedarf es bei Hauptverkehrsstraßen einer separaten, gut angelegten Fahrradinfrastruktur. Kreuzen Radwege Straßen, sollte dem Radverkehr Vorfahrt eingeräumt werden, dies muss für alle Verkehrsteilnehmer gut erkennbar sein.

Die Infrastruktur muss außerdem sein:

  • Fehlertolerant: Besteht bei einem kleinen Fahrfehler die Gefahr, einen größeren Unfall zu verursachen, von einem Kfz überfahren zu werden oder ähnliches?
  • Intuitiv: Muss ich mich in einer fremden Gegend erst zurechtfinden, wo ich nun fahren darf/soll? Ist ersichtlich, welche Wege mich zu meinem Ziel führen? Ist an Kreuzungen ersichtlich, wer Vorfahrt hat (Radfahrer oder Kfz)?
  • Durchgängig: Enden Radstreifen an Engstellen oder an kritischen Stellen wie Kreuzungen, Kreisverkehren etc.? Endet ein Radweg ohne Übergang auf die Straße?

Wie sieht es denn bisher in Hall aus?

Das Fahrrad als schnellste Möglichkeit, um eine Kurzstrecke zurückzulegen

In der Innenstadt selbst würde ich sagen, ist dies weitgehend der Fall. Radler dürfen durch die gesamte Fußgängerzone fahren, die Henkersbrücke ist für Radfahrer – im Gegensatz zu Autofahrern – passierbar, über die gesamte Innenstadt verteilt gibt es Radbügel… insgesamt besteht hier aber noch Verbesserungsbedarf, man merkt, das Hall eine Autostadt ist.

Wenn wir aus dem Zentrum rausgehen, sieht es aber anders aus. Zum einen wegen der Topographie, 100 Höhenmeter um vom Tal beispielsweise ins Gewerbegebiet zu kommen sind halt auch kein klacks… von der Höhe kommend ins Stadtzentrum, da ist das Fahrrad wiederum etwa gleich schnell wie das Auto.

Das Radfahren muss objektiv und subjektiv sicher sein

Hier herrscht in Hall ein erhebliches Defizit! Es gibt nur wenige Radwege (die Freizeitradwege lasse ich hier mal außen vor). Oftmals hat man die Wahl, auf der Straße zu fahren, wo 50 km/h erlaubt sind, oder auf dem für Radfahrer freigegebenen Gehweg (mit entsprechend geringer Geschwindigkeit und mit einer erhöhten Gefahr an Querungsstellen). Oder auf einem gemeinsamen Geh- und Radweg mit ebenfalls erhöhter Gefahr an Kreuzungen etc. Oder es gibt Schutzstreifen (meist nur in der Mindestbreite), die für Gelegenheitsradler kaum subjektive Sicherheit bieten.

Ich sehe mich selbst als sicheren Radfahrer mit jahrelanger Erfahrung im täglichen Verkehr. Dennoch erlebe ich regelmäßig Situationen, in denen ich mich bedrängt und/oder gefährdet fühle. Von daher kann ich schon nachvollziehen, wenn Autofahrer aus Angstgründen nicht auf’s Fahrrad umsteigen! Was verdammt schade ist, da das Radfahren sooo viele Vorzüge hat! Es gab in den letzten Jahren zwar punktuelle Verbesserungen, und manche Strecken lassen sich inzwischen besser/angenehmer fahren – Die Voraussetzungen für eine massive Steigerung des Radverkehrs sind bisher aber leider nicht gegeben!

 

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