Schutzstreifen – so sieht sicheres Radfahren für die Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundlicher Kommunen aus

Vor ein paar Monaten hat der Landkreis Schwäbisch Hall beschlossen, der Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundlicher Kommunen in Baden-Württemberg (AGFK-BW) beizutreten. Womöglich sind die ersten sichtbaren Auswirkungen davon die neuen Radstreifen, wie sie nächste Woche in der Tüngentaler Straße markiert werden sollen.

Schauen wir uns doch einmal an, was die AGFK-BW zu Schutzstreifen schreibt:

Schutzstreifen leiten Radfahrer auf der Fahrbahn. Eine gestrichelte Linie und Fahrrad-Piktogramme markieren den Verlauf. Der Schutzstreifen ist eine Art Laufsteg für Radfahrer. Nach dem Motto „Sehen und gesehen werden“ zeigt er Auto-, Lkw- und Busfahrern: Achtung, Radler fahren hier auch und gehören zum Straßenverkehr.

Einigen Punkten in dieser Broschüre (richtet sich an die Gemeinden) stimme ich zu. Andere Punkte sehe ich kritisch oder ganz anders. Hier mal einige Argumente – aber haltet euch lieber fest, es folgt ein Kracher auf den nächsten!

Es wird davon ausgegangen, das wir Radler bisher auf einem gemischten Geh- und Fahrradweg unterwegs sind oder auf einem für Radfahrer freigegebenen Gehweg. Das wir auch jetzt schon auf der Straße fahren scheint irgendwie übersehen worden zu sein… So ist natürlich auch ein Argument für die Schutzstreifen:

Mehr Sichtbarkeit: Autofahrer können die Radfahrer auf Schutzstreifen besser sehen als auf separaten Fahrradwegen – vor allem an Kreuzungen, Einmündungen und Ausfahrten.

Was auch erst einmal stimmt. Die Sichtbarkeit ist besser als auf abgetrennten Wegen. Man könnte die Kreuzungsbereiche aber auch anderweitig entschärfen. So sind beispielsweise in den Niederlanden viele Zebrastreifen und Radwegübergänge erhöht, die Autos müssen abbremsen, um über die Fahrbahnschwelle zu fahren.

Mehr Sicherheit: Auf dem Schutzstreifen fahren Radfahrer sicherer, als man denkt. Autos überholen zum Beispiel mit größerem Abstand. Fußgänger profitieren ebenfalls: Sie haben ihre Gehwege wieder ganz für sich.

Mal in die Runde gefragt: hat einer von euch schon jemals erlebt, das man auf einem Schutzstreifen mit größerem Abstand überholt wird, als wenn man auf der Straße fährt (mit 0,8-1 Meter Abstand zum Fahrbahnrand)??? Ich noch nicht! Ich werde höchstens mit dem gleichen Abstand überholt wie auf der Straße, aber eher mit einem geringen!

In einer Untersuchung des Stadt- und Verkehrsplanungsbüros Kaulen kam man aber zu anderen Ergebnissen:

Das Stadt- und Verkehrsplanungsbüro Kaulen (SVK) aus Aachen untersuchte auf den ausgewählten Modellstrecken – unter anderem per Videoanalyse –, welche Art von Schutzstreifen sich auf schmalen Fahrbahnen am besten eignen: einseitige, beidseitige oder solche, die abwechselnd auf der einen und der anderen Straßenseite markiert sind. Das Ergebnis: „Auf innerörtlichen Straßen mit einer maximalen Fahrgeschwindigkeit von 50 km/h kann mit beidseitigen Schutzstreifen auch auf Fahrbahnen mit einer Breite unter sieben Meter ein deutlicher Sicherheitsgewinn für alle Verkehrsteilnehmer erreicht werden“, so Dr. Ralf Kaulen vom SVK. Auf den untersuchten Straßen fuhren die Autos nach Markierung der Schutzstreifen langsamer und überholten Radler mit mehr Abstand. (fahrradland-bw)

Gut, das mit der geringen Geschwindigkeit kann ich noch nachvollziehen, wenn die Fahrbahn verengt wird. Aber ein überholen mit mehr Abstand zu Radfahrern, das kann ich mir nicht so recht vorstellen…

Mehr Komfort: Als Teil der Fahrbahn haben Schutzstreifen meist einen besseren Belag, weniger Schlaglöcher und sind häufig sauberer.

Ob ich nun auf der Straße mit oder ohne Schutzstreifen fahre, der Belag ist für mich immer gleich… 😉

Radler sollen in der Mitte des
Schutzstreifens fahren. Um genug
Abstand von sich öffnenden Fahrzeugtüren
zu haben, ist es wichtig, nicht zu
weit rechts auf dem Schutzstreifen zu
fahren.

Also: wenn ich mal die bei uns üblichen Schutzstreifen mit etwa 1,3 Meter breite nehme, dann muss ich hier sowieso recht mittig fahren! Fahre ich weiter rechts, hänge ich in Gullideckeln oder anderem. Fahre ich weiter links, bin ich mit meinem Lenker schon auf höhe der Fahrbahnmarkierung. Wenn ich ausreichend Abstand zu direkt am Fahrbahnrand parkenden Autos einhalten will (empfohlen 1,5 Meter), dann muss ich den Schutzstreifen sogar verlassen, was aber erst recht gefährlich ist und Konflikte mit Autofahrern verursacht!

In der Broschüre gibt es auch ein schönes Bild, wie die Situation dank Schutzstreifen gut gelöst ist:

AGFK Bild Schutzstreifen markiert

Die beiden Markierungen sind von mir. Der obere rote Kreis: ein Radler ist kurz davor, einen Passanten zu überholen, der einen Hund mit sich führt. Hinter dem Radler kommt ein LKW angefahren. Wie wird diese Verkehrssituation wohl weitergehen? Ich denke, der Radfahrer wird mit geringem Abstand den Passanten und den Hund überholen, während gleichzeitig der LKW mit weniger als 0,5 Meter Abstand zum Schutzstreifen vorbeifährt. Also eine verdammt gefährliche Situation! Oder der Radfahrer fährt weit genug links, sodass der LKW zum überholen auf die Gegenfahrbahn ausweichen muss – dank Schutzstreifen wird der Fahrer vermutlich weniger damit rechnen, als wenn der Radler einfach so auf der Straße fahren würde…

Die untere Markierung: Der Schutzstreifen ist auf Höhe der parallel parkenden Autos verengt, dennoch besteht kein ausreichender Abstand zwischen parkenden Autos und Radfahrer (Dooring-Zone). Der von hinten kommende Autofahrer ist grade dabei, die Radler trotz Gegenverkehr mit kaum vorhandenem Sicherheitsabstand zu überholen. So sieht keine sichere Verkehrslage aus!

Damit es nochmal bewusst wird: dies Argumente sind nicht von einer Autofahrerlobby herausgegeben worden oder von einer Anti-Radfahrer-Organisation. Nein, dies sind die Argumente der Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundlicher Kommunen in Baden-Württemberg e. V.!

Ziel der Arbeitsgemeinschaft ist es, die selbstverständliche, umweltfreundliche und günstige Art der Fortbewegung zu fördern – das Radfahren. (AGFK)

Wenn so die Förderung des Radverkehrs aussieht, wenn den Kommunen mit diesen Argumenten empfohlen wird, Schutzstreifen einzurichten… dann verstehe ich auch, warum in Hall so einiges schief läuft!

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Schutzstreifen, Verkehrspolitik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Schutzstreifen – so sieht sicheres Radfahren für die Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundlicher Kommunen aus

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s